30. Geburtstag der großen Schwester
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30. Geburtstag der großen Schwester

Liebe große Schwester,

für mich fühlt es sich wie gestern an, als wir uns darum gestritten haben, wer das letzte Bonbon aus der Naschtüte bekommt oder wer wie lange mit dem Puppenhaus spielen darf. Natürlich hast du meistens gewonnen, du bist ja die Ältere von uns beiden. Ich habe das natürlich immer dämlich gefunden, und ich habe mir eingebildet, dass ich auch dich dämlich finde.

In Wahrheit hat das natürlich nie gestimmt.

Im Gegenteil. Mit dem Abstand von fast zwei Jahrzehnten sage ich heute, dass du die beste große Schwester warst und bist, die man sich nur wünschen kann. Ich weiß nicht, ob ich dich trösten konnte, als du den ersten Liebeskummer hattest oder als es in der Schule nicht perfekt lief – ich weiß aber noch ganz genau, dass du immer für mich da warst, wenn es mir mal nicht so gut gegangen ist. Und dieses Gefühl, dass ich dich immer anrufen kann, wenn ich dich brauche, das wird auch nie weggehen.

An dieser Stelle aber muss ich ehrlich zugeben, dass ich manchmal auch traurig bin. Traurig, weil ich dich nur anrufen kann, da du jetzt ja weiter weg wohnst. Und traurig, weil ich ganz oft denke, dass die ungetrübte und unkomplizierte Zeit, die wir als Geschwister verbracht haben, unwiederbringlich hinter uns liegt. Wenn ich an dich denke, dann sehe ich uns immer noch, wie wir Mamas Schminkschatulle entdecken und uns dick die Farben ins Gesicht malen. Wie wir im Kinderzimmer abends heimlich gelesen haben und Papa uns dabei erwischt hat, aber nie böse war, auch nicht zu fortgeschrittener Stunde. Oder wie wir die ersten Male abends allein zuhause blieben, ganz ohne Babysitter, wenn unsere Eltern mal ins Kino gegangen sind.

Dann erfasst mich ein kurzer Schmerz – aber gleichzeitig denke ich dann daran, dass zwischen uns beide, liebe große Schwester, noch immer kein Blatt Papier passt. Wenn wir uns wiedersehen und viele Wochen vergangen sind, dann fühlt es sich trotzdem jedes Mal so an, als ob wir uns nur ein paar Stunden nicht gesehen hätten.

Es ist diese Vertrautheit, die ich so an dir und uns mag. Und von der ich inständig hoffe, dass sie für immer bestehen möge. Ich wüsste auch nicht, was dagegen spricht.

Jetzt also wirst du 30 Jahre alt. Klingt irgendwie surreal für mich, haben wir gefühlt doch erst gestern wilde Kissenschlachten geliefert, um kurz danach selig vereint mit dem Puppenhaus zu spielen. Aber bevor ich noch weiter in Erinnerungen schwelge: Du machst das Beste aus deinem Leben, so viel ist sicher. Ich hoffe, dass du dir deine Fröhlichkeit bewahren kannst, vor allem dann, wenn es mal nicht so gut läuft, was wir alle natürlich nicht hoffen. In Sachen Frohsinn und Gelassenheit bist du für mich und viele andere nämlich ein absolutes Vorbild!

Liebe große Schwester – genug der vielen Worte. Ich möchte jetzt mein Glas auf dich erheben und nehme an, dass es alle anderen Anwesenden mir gleich tun. Und ganz ohne Pathos will ich zum Schluss nur eines sagen: Bleib‘ einfach so, wie du bist.