KOLLEGE VERLÄSST DIE FIRMA
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Kollege verlässt die Firma

Lieber Kollege!

Jetzt, wo die gesamte Abteilung hier zusammen ist, um dir den Abschied von unserem gemeinsamen Arbeitgeber so schwer wie möglich zu machen, muss ich es loswerden: Endlich bist du weg! Nein, das war natürlich nur ein Scherz, wie du dir vorstellen kannst, meine ich das nur in Bezug auf deine – Entschuldigung – furchtbaren Krawatten, die du bei Kundenterminen immer so gern getragen hast. Es spricht aber für dich, dass du dich trotz des Spotts aus dem Kollegenkreis, den ich jetzt ja zugeben kann, nie wirklich darum geschert hast.

Das war und ist sowieso deine Art: Nicht darum kümmern, was die anderen sagen, sondern einfach machen. Wenn ich ehrlich sein darf, habe ich immer versucht, mich genau an dieser Art zu orientieren. Einfach mal sein Ding durchziehen, auch wenn es Widerstand und Gegenwind gibt. Dabei hattest du die Argumente aber immer auf deiner Seite, ließest dich nicht irritieren, wenn sich Projekte mal verzögerten oder andere Teammitglieder zu murren begannen. Das kam allerdings gar nicht oft vor, da wir alle eigentlich immer davon überzeugt waren, dass dein Weg, dein Handlungsvorschlag zum Ziel führen würde.

Wenn es nicht so negativ besetzt wäre, würde ich sagen, dass du stets ein [Kunstpause] unbequemer Kollege warst. Ich meine das natürlich im besten Sinne, du hast die Ziele nämlich nie aus den Augen verloren und warst dir nie zu schaden, für deine Überzeugungen auch mal anzuecken. Mir, ja vermutlich uns allen hat das immer imponiert, auch und gerade dann, wenn du deinen Weg auch gegenüber unseren Vorgesetzten mit Zähnen und Klauen verteidigt hast. Damit sind wir wieder bei deinen Krawatten, die in der Chefetage – und das weiß ich aus gut unterrichteten Kreisen – ja auch immer wieder Thema gewesen sind.

Wenn es da nämlich hieß, wie kann der denn mit diesem Schlips zum Kunden fahren, dann hast du mir immer gesagt: Weil ich kein Anzugmodel bin! Und dann warst du in den Kundengesprächen immer so brillant. Ich war oft genug dabei und durfte auch hier viel von dir lernen. Letzten Endes hat dann auch die Führungsetage eingesehen, dass es nicht auf das Äußere ankommt. Ganz ehrlich: Deine Krawatten waren in der Kaffeeküche oder am Mittagstisch oft Anlass zu Heiterkeit. Ich hoffe, du weißt, dass es nie böse gemeint war.

Als direkter Kollege habe ich menschlich und fachlich viel von dir lernen dürfen. Deinen Humor hat nicht jeder verstanden, aber ich darf allen Anwesenden versichern, dass dieser Humor unfassbar gut war, wenn man sich drauf einlassen konnte. So konzentriert du im Job auch warst, so glänzend warst du als Unterhalter in der Mittagspause oder beim gelegentlichen Feierabend-Bier. Meine Jahre mit dir als Kollege waren in dieser Firma unglaublich toll, und zwar bis zum letzten Moment.

Vielleicht sagst du dir ja, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Ich weiß nur, dass du ein Loch in diesem Unternehmen hinterlassen wirst, das nicht zu füllen sein wird. Aber sei versichert: Diese Abteilung wird den Geist, den du ihr eingehaucht hast, immer weiterleben. Für die Zukunft wünsche ich dir alles erdenklich Gute.