Das Brot des Denkers
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Das Brot des Denkers

Brot ist einzigartig: es ist Kulturgut, Artefakt und Konsumobjekt zugleich. Seit der Mensch sich für eine sesshafte Lebensweise entschieden hat und Ackerbau betreibt, gehört der tägliche Umgang mit Getreide zu den Standards kulturellen Lebens – und zum Sinngrund zahlreicher Sagen und künstlerischer oder literarischer Werke. Die „Kulturgeschichte des Brotes“ ist nicht nur Kuriosum, sondern zugleich auch eine spannende Spurensuche der menschlichen Zivilisation – kommen Sie mit…
Getreide hat verschiedene Aggregatzustände, wie der Kenner weiß: fest in Form von Brot und Kuchen, flüssig in Form eines goldgelben Gerstensaftes, genannt Bier. Beim Begriff „Bier“ denken wir oft sofort an Deutschland, gilt das köstliche Getreidegetränk doch als typisch deutsches Produkt, ja sogar als teutonische Erkennungsmarke mit einer lebensweltlichen Adelung im Münchner Hofbräuhaus, wo alljährlich zum Oktoberfest „o´zapft is!“ gerufen wird. Deutschland sei Bier-Land und die Erfindung des Bieres sei sicher eine deutsche Spezialität, glauben Viele; die Tatsache, dass das erste bekannte, schriftlich niedergelegte Lebensmittelgesetz aus Deutschland stammt und auf das Jahr 1516 datiert wird und sich zudem um den Weg von der Kornähre zum Bier dreht, bestärkt sie in dieser Auffassung. Vor fünfhundert Jahren hatten nämlich die ehrenwerten Herzöge von Bayern das Gesetz erlassen, dass nur Gerste, Hopfen und Wasser zur Herstellung des begehrten Gebräus verwendet werden dürfen:
Ganz besonders wollen wir, dass forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen.
Angesichts der historischen Tatsache, dass einem Lebensmittelgesetz in der Regel Jahrhunderte lange Spezialisierungen der bezeichneten Herstellungskunst vorausgehen, kann man logisch folgern, dass sich die ehrenwerten bayerischen Landesherrn mit dem Bierbrauen auf eine Tätigkeit bezogen, die auf ihrem Territorium gegründet war, womöglich in einem der dortigen Klöster. Doch diese Folgerung ist falsch. Nicht nur ist Deutschland weltweit nicht Platz Eins beim Bierkonsum – das ist überraschenderweise die Region Elsass in Frankreich, wo es in Straßburg auch die meisten Brauereien pro Kopf gibt – sondern die geschichtlichen Vorläufer des Bieres fanden sich weder in Deutschland, noch überhaupt in Europa, sondern in Mesopotamien. Das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, der sogenannte „fruchtbare Halbmond“, in dem der nährstoffreiche Boden aufgrund der Überschwemmungen das Getreide so üppig wachsen ließ, das es die gesamte antike Welt versorgen konnte, war bereits um 1000 v. Chr. eine Stätte des Bierbrauens. Antike Texte verraten uns, dass Korn nicht nur als Fladenbrot und Getreidebrei, sondern auch und insbesondere als köstliches Getränk verarbeitet wurde, das offenbar im Alltag sehr beliebt war und von Groß und Klein in Mengen konsumiert wurde. Wie so oft in der Geschichte sorgte das Vorhabensein von Gütern, hier Getreide im Überfluss, gemischt durch den Faktor Zufall, zu einer epochalen Entdeckung: dass erntereifes Getreide in Wasser gärt und infolge dieses Prozesses einen besonderen Geschmack entwickelt, der geradezu süchtig machen kann, und dass man dieses feine Aroma durch bestimmte Pflanzenzusätze noch weiter steigern kann, fanden die Ackerbau betreibenden Sumerer wohl beiläufig heraus. Nach ihnen traten die genussfreudigen Babylonier in die Fußstapfen der Braukunst, und wir können davon ausgehen, dass das skandalöse Babylon neben den bekannten Stätten des Lasters auch über zahlreiche Schankstätten zur Bewirtung mit Bier verfügte. Die Ägypter verfeinerten dann das zu ihrer Zeit schon bekannte Handwerk der Braukunst nach den Babyloniern und Sumerern noch weiter und entwickelten mit der ihnen eigenen Raffinesse offenbar sogar eine Art Spartengetränke: ein würziges Bier für den Herrn und ein Damen-Bier mit süßen Ingredienzien, wie uns gut erhaltene Papyri aus der Zeit der Pharaonen verraten. Ob dieser kreative Umgang mit dem flüssigen Aggregatzustand des Getreides heute wieder in Mode kommt?
Mutterliebe kennt keine Grenzen – nicht einmal den Tod. Der antike griechische Mythos von einer Mutter und ihrer verlorenen Tochter, Demeter und Kore, führt uns zutiefst in die Sagen umrankte Welt der Götter, aber auch in die Untiefen der menschlichen Psychologie – und nicht zuletzt ist es auch eine wunderschöne Geschichte vom Getreide. Es geht hier, in der Urfassung des Mythos, welche ungefähr ins achte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurück reicht, um die Klage einer Mutter, die ihre Tochter an einen bösen Mann verloren hat, der sie mit Gewalt entführte. Ihre Klage ist herzzerreißend, und die Entführung war offenbar hochdramatisch, so wie sie auch der Dichter Homer in seinem „Hymnus an Demeter“ beschrieb:
Fern von Demeter, der Herrin der Ernte, die mit goldener Sichel schneidet, spielte sie und pflückte Blumen mit den Töchtern des Okeanos, Rosen, Krokus und schöne Veilchen, Iris, Hyazinthen und Narzissen. Die Erde brachte die Narzisse hervor als wundervolle Falle für das schöne Mädchen nach Zeus' Plan, um Hades, der alle empfängt, zu gefallen. Sie war für alle, unsterbliche Götter und sterbliche Menschen, ein wundervoller Anblick, aus ihren Wurzeln wuchsen einhundert Köpfchen, die einen so süßen Duft verströmten, dass der ganze weite Himmel droben und die ganze Erde lachten und die salzige Flut des Meeres. Das Mädchen war bezaubert und streckte beide Hände aus, die Pracht zu greifen. Doch als sie es tat, öffnete sich die Erde und der Herrscher Hades, dem wir alle begegnen werden, brach hervor mit seinen unsterblichen Pferden auf der Ebene von Nysa. Der Herr Hades, Sohn des Kronos, der mit vielen Namen genannte. Um Erbarmen flehend, wurde sie in den goldenen Wagen gezerrt
Eine Blumen pflückende, offenbar noch gefährlich junge Schönheit wird entführt und die Mutter tobt vor Wut über dieses kidnapping? Bevor wir glauben, es handele sich hier um einen Familienkonflikt zwischen Teenager-Sprössling und sittenstrengem Elternteil, und die Schwiegermutter würde ihrem unerfahrenen Töchterlein das Glück mit dem Schwiegersohn missgönnen, sollten wir herausfinden, wer die Hauptpersonen des Dramas eigentlich sind und wofür Kore und Demeter, sowie Hades, überhaupt stehen. Demeter war nämlich die altgriechische Vegetations- und Korngottheit, die über das Getreide für das Brotbacken wachte – ihr lateinischer Name ist Ceres, von dem im Übrigen der Begriff „Cerealien“ für Getreideprodukte abgeleitet ist. Demeter herrschte über alles, was oberhalb der Erde wuchs, und Hades, der Herrscher der Unterwelt und der Toten, bestimmte über alles, was sich unterhalb der Erde befand. Demeters Tochter Kore – der Name ist generisch und bedeutet eigentlich nur „Mädchen“ – wird der Sage nach jedes Jahr für einige Monate in die Unterwelt entführt, um dann jedoch einen anderen Teil des Jahres auf der Erde, bei ihrer Mutter, zu verbringen. Kore repräsentiert das „Kind“ der Erdmutter, das Getreidekorn, das im Winter in der Erde schläft – bildlich in die Unterwelt entführt wird – um im Frühling und Sommer wieder auf der Erde zu sein, zu wachsen und zur Reife zu gelangen, und somit den Zyklus des agrarischen Lebens darzustellen. Der Mythos von Demeter und Kore und ihrer angeblichen Entführung durch Hades ist offenbar eine plakative Legende der Fruchtbarkeit von Feldern und Äckern und soll verbildlichen, wie abhängig die Menschen seit der antiken Zivilisation vom Gedeihen des Getreides waren, das für sie Hauptnahrungsmittel und Garant des Überlebens war. Zugleich darf man nicht vergessen, dass gerade die Griechen, mehr noch als die Römer, den so genannten „chtonischen“ (die Erde repräsentierenden) Göttern, also Gottheiten wie Demeter und ihrer Tochter, allerlei Zauberkundiges zutrauten: so spielten sich auch die berühmten Eleusinischen Mysterien als Einweihungsereignisse in einer verborgenen Höhle unter der Erde ab, wo sich die Geheimnisse der Unterwelt rund um den sinnbildlichen Tod des Korns mit denen der aufsteigenden Vegetationskraft mischten…
„Sieben-fünf-drei, Rom schlüpft aus dem Ei!“ – Wer hat diesen Spruch nicht schon in der Schule aufgesagt? Tatsächlich haben viele von uns die Geschichte Roms, begonnen mit der Stadtgründung im Jahr 753 v.Chr. von den legendären Zwillingen Romulus und Remus, auf diese kalauernde Art und Weise kennengelernt. Doch die tatsächlichen historischen Anfänge des römischen Imperiums verlieren sich im Dunkel der Geschichte, und als die Bewohner der Gegend von Latium ihre Stadt gründeten, existierte bereits die ältere Kultur der Etrusker, die zuvor in dieser Gegend gewohnt hatten und von deren Kunst und Lebenswelt wir durch erstaunliche Fresko-Malereien informiert sind. Die Etrusker – sie selbst nannten sich rasenna, auf lateinisch tusci – und nach ihnen die Römer verehrten einen Pantheon von Göttern mit teils sehr komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Gottheiten und weitreichend verwickelten Mythen, doch bei aller Verschiedenheit gleichen sich etruskische und frührömische Kulte darin, dass ein Vegetationsgott eine maßgebliche Rolle spielt – der Gott des Getreides. Der Name dieses erntesichernden Gottes variiert; antike Quellen bezeichnen einen Gott namens Maris bei den Etruskern, der bei den Römern zum Gott Mars umbenannt wurde, welcher zuerst ein Fruchtbarkeitsgott war, um später zum emblematischen „Gott des Krieges“ zu werden, der bei den kriegstreibenden Römern so beliebt war. Auch ein alt-etruskischer Gott wie Fufluns, Sohn der mythischen Erdmutter, der als Erdgott und Korngott fungierte, wurde bei den Römern als Bacchus und bei den Griechen als Dionysios verehrt und stellte auch dort die Einheit des Göttlichen mit den Früchten der Erde – namentlich dem Getreide und dem Wein – her. Ganz besonders hervorzuheben ist jedoch die römische Verehrung des Gottes Saturn, der, trotz seiner ungebrochenen Beliebtheit von der Gründungszeit Roms an bis zum Untergang des Kaisertums, kein Pendant in der etruskischen Götterlehre als direkten historischen Vorläufer hat, sondern religionsgeschichtlich eine Verschmelzung verschiedener Ackergottheiten darzustellen scheint, deren Attribute er übernimmt. Saturn wurde von den Dichtern als „Gott des goldenen Zeitalters“ gefeiert; der Schriftsteller Hesiod beschreibt im 7. Jahrhundert v. Chr. in seinem Werk „Werke und Tage“ das sogenannte goldene Zeitalter (aurea aetas) als eine besondere Zeit, in der die Menschen in Frieden leben, beschützt vom wohlmeinenden Getreidegott Saturn, doch dieses beglückte Zeitalter würde gefolgt von einer historischen Abwärtsentwicklung, einem silbernen und bronzenen, zuletzt einem eisernen Zeitalter, in dem die Bevölkerung in Armut und Krieg lebte. Weshalb ein Korngott wie Saturn eine direkte Beziehung zur Qualität der Zeit haben soll, ist offensichtlich, denn die Beschaffenheit der Ernte entschied über die Lebensqualität der Menschen, ja über ihr Überleben als Individuen wie als Spezies. Anders als im älteren griechischen Mythos von der Erdgöttin Demeter und ihrem Kind Kore (dem Saatkorn), das im Winter in die Unterwelt gehen muss, um im Frühjahr als Pflanze wiedergeboren zu werden, wird im Saturn-Mythos nicht nur der reine Zyklus des Werdens und Vergehens des Getreides als Symbol des Lebens versinnbildlicht, sondern auch die epochale Bedeutung der Ernte selbst und der Qualität der Zeit. Der Mensch, der gerade die Kunst verfeinerte, sich von Getreide statt von der Jagd zu ernähren und somit von den Jahreszeiten abhängig zu sein, konnte seine Existenz nicht besser beschreiben als in agrarischen Mythen vom Getreidegott und den abwechselnden Zyklen des Seins.
Vom griechischen Philosophen Sokrates (um 469-399 v. Chr.) wissen wir insbesondere das, was uns sein eifriger Schüler Platon übermittelt hat. Die sogenannten „platonischen Dialoge“ sind in Wirklichkeit sokratische Dialoge, denn sie stellen den berühmten Denker aus Athen in den Mittelpunkt und lassen ihn in Zwiesprache treten mit den Verfechtern verschiedener Weltanschauungen – dialogisch eben. Von Sokrates ist bekannt, dass er, weltlich betrachtet, nicht gerade ein Erfolgsmensch war, denn obwohl er sich als Soldat in einem der zahlreichen Kriege der Griechen ausgezeichnet hatte, blieb sein Ruhm in der Hauptstadt doch recht begrenzt, und er führte nicht nur ein von seiner treuen Gattin Xanthippe oft beklagtes Bummler-Leben auf dem Marktplatz, wo er wenig oder nichts verdiente und die Bürger mit philosophischen Fragen nach dem Sinn des Lebens behelligte, sondern er wurde von entnervten Zeitgenossen oft sogar als „Schmeißfliege“ beschimpft. Wo jedoch bestünde die Verbindung dieses streitbaren antiken Querkopfes, eines der eigenwilligsten Denker der Philosophiegeschichte überhaupt, mit süßem Backwerk, oder gibt es überhaupt eine solche? Wir werden sehen. Ein Thema der platonischen Dialoge – die, wie wir nun wissen, von Sokrates und seinen Schülern oder Redegegnern handeln – war unter anderem die Frage nach dem Glück; eine große denkerische Herausforderung, die alle Menschen, bis auf den heutigen Tag, beschäftigt. Wie man zum Glück gelangen könne und von welcher Art das Glück überhaupt sei, ob es allgemein gültige Definitionen von Glück gäbe und wenn ja, welche, ist Gegenstand so unterschiedlicher platonischer Dialoge wie „Der Staat“, „Die Gesetze“, „Das Gastmahl“ (in dem es primär um die Liebe geht, jedoch auch um das Glück des Liebenden) und das Streitgespräch zur Lehrbarkeit der Tugend namens „Protagoras“. Für den antiken Leser war sofort klar, dass sich Sokrates mit seiner speziellen Auffassung von Glück gegen mehrere philosophische Strömungen absetzt, die seinerzeit in Mode waren: den sogenannten Epikureismus, genannt nach Epikur, welcher das sinnliche Erleben als Glück definierte, den sogenannten Kynismus nach Antisthenes und Diogenes, welcher die Askese forderte und alle sinnlichen und ästhetischen Rücksichten als kleinlich verachtete, und diverse proto-christliche asketische Strebungen, welche die Freude des Körpers, sei es in der Erotik oder im Kulinarischen, um des vermeintlich höheren Gewinnes nach dem Tod nur gering schätzten. Für Sokrates gilt der Sinnengenuss generell als minderwertig, da er von den wichtigsten Fragen des Lebens, zu denen natürlich die Erkundung des Sinns des Lebens und der Natur des Glücks gehört, ablenkt. So schimpft Sokrates einmal mit einem seiner jungen Schüler, jener wolle nur „weiche Betten und süßes Feigengebäck“ haben und sich am Luxus und Komfort der Welt erfreuen, statt die harte Mühsal des Philosophierens und das Denkgeschäft der Wissenschaft auf sich zu nehmen. Honiggesüßtes Feigengebäck konnte hier kurioserweise als agent provocateur gelten; die klassische griechische Diät des Altertums war nämlich vegetabil (Fleischspeisen galten als Seltenheit) und setzte sich aus einfachen Getreideprodukten, Früchten, Gemüsen und Oliven zusammen, doch wie wir aus der strengen Ermahnung folgern können, beherrschten die Hellenen bereits die hohe Kunst der Verfeinerung der Backwaren. Ob Sokrates´ Schüler das süße Feigengebäck nun ob der Ermahnung im Hals stecken blieb, können wir nicht wissen, doch wir sehen hier mit historischem Schmunzeln, wie eine harmlose Konditoreiware die Trennung zwischen Philosophien des Glücks eröffnet…
„Panem et circenses“ – Brot und Spiele – galt in der Geschichte der antiken Welt als Motto der römischen Kaiser, welche in dieser kurzen Losung ihre spezielle Auffassung von gelingender Innenpolitik auf den Punkt bringen wollten. Denn das Brot, die tägliche Nahrung Aller, war in ihren Augen und in ihrem Staatsverständnis ebenso unverzichtbar wie das Spiel und die Unterhaltung durch die Gladiatoren im circus romanum – namentlich, um von den wirklichen Skandalen im Senat abzulenken und die Bürger gedanklich beschäftigt zu halten. Man könnte hier zu Recht einwerfen, dieser raffinierte und manipulative Verteilungsplan von der Lenkung öffentlicher Aufmerksamkeit sei hochmodern, doch bleiben wir zunächst beim ersten Bestandteil des Slogans, dem Brot. Die typische römische Ernährung hing, wie auch in anderen Zeiten und Kulturen, maßgeblich vom Reichtum des Einzelnen ab, und während sich der wohlhabende Patrizier von exotischen Speisen wie Pfauenzungen, Tintenfisch und Kaviar aus den entlegensten Gebieten des römischen Imperiums verwöhnen ließ, genoss der einfache Arbeiter oder Handwerker meist nur einen simplen Getreidebrei oder einen Eintopf aus Hülsenfrüchten, sowie eine Art Brotfladen, der mit Gemüse gefüllt war und wie eine antike Vorform des heutigen „wrap“ offenbar überall an den Essensbuden des alten Roms zu kaufen war. Getreide war übrigens auch die Hauptspeise der Gladiatoren, die im Circus mit ihresgleichen und mit wilden Tieren kämpften – die Muskelmänner blieben stark durch die Kraft des Gerstenproteins. Die Diskrepanzen zwischen dem Essen derer, die wie die Gladiatoren dem Tod geweiht waren, den Speisen der Armen und den Gelagen der Reichen in der Weltstadt Rom hätten größer nicht sein können und regten immerhin die Fantasie der Schriftsteller an, welche bekanntlich von sozialen Missständen leben. Der Satiriker Petronius Arbiter (um 14-66 n.Chr.) beschreibt zur Zeit Neros in seinem Roman „Das Gastmahl des Trimalchio“ – in unserer Zeit fantasievoll verfilmt von Federico Fellini – wie sich die gleichnamige Hauptfigur, ein reicher Krösus und Prasser, der leider gänzlich ohne Bildung ist, von seinen ergebenen Günstlingen feiern lässt und ihnen exquisit gewürzten Fisch serviert, der wie Schwein schmeckt, Schwein, das wie Fisch schmeckt, und zuletzt eine Sau, die bis zum Platzen mit Würsten anstelle von Gedärmen gefüllt ist. Als Dessert gibt es, neben sinnlosen Reden des zunehmend betrunkenen Gastgebers, auch kunstvolle Backwaren aus diversen Getreidearten, mit Honig und Eiern gefüllt, sinnlich mit Zimt und Rosenwasser parfümiert, und als köstliches Mitbringsel an die Gäste verteilt. Die dekadente Kuchenspende des Trimalchio geht jedoch in der allgemeinen Trunkenheit unter und wird von wehleidigen Reden gefolgt, in denen der Hausherr sich beklagt, seiner Gattin Faustina – einer entlaufenen Sklavin – schwere Ohrringe aus Gold anhängen zu müssen, da sie sonst empfindlich mit ihm schmollt. Die teilweise aus den unteren Bevölkerungsschichten stammenden Teilnehmer des Gelages sind verwundert über solchen Reichtum und die schamlose Zurschaustellung desselben und verachten den Prasser, der sich in unerträglicher Art und Weise als Wohltäter aufspielt und dabei seine private Armee von Köchen, Bäckern und Konditoren selbstherrlich dirigiert. Petronius´ Satire ist ein Spottgedicht auf die jeunesse dorée zur Zeit Neros: sie nimmt kein Blatt vor den Mund, was den Sittenverfall, die allgegenwärtige Korruption und die Schere zwischen Arm und Reich anging. Das sprichwörtlich süße Leben war auch damals nur für Wenige erschwinglich, und die, die es sich nicht leisten konnten, mussten mit manipulativen Techniken seitens der Führungselite in Schach gehalten werden – Brot und Spiele eben.
„Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.“
Diese ergreifenden Worte finden sich im Neuen Testament bei Lukas, 11, als eine der zahlreichen Parallelen zur Bergpredigt Christi. Sie stellen eine biblische Ur-Version des Gebetes dar, welches später in Deutschland als „Vaterunser“ bekannt und zum beliebtesten und bekanntesten Gebet der Christenheit avancierte. Das international bekannte „Vaterunser“, lateinisch „Paternoster“, zu Englisch „The Lord´s Prayer“, ist nicht nur eine Identifikationsfigur für jeden praktizierenden Christen, sondern auch ein außerordentliches Stück Kultur- und Religionsgeschichte, welches nicht per Zufall das tägliche Brot, das uns gegeben werden soll, in den Mittelpunkt rückt. Zunächst ist die Historie des „Vaterunser“ höchst interessant, denn obwohl es sich bereits in einer etwas schlichteren Textfassung in griechischer Sprache im Neuen Testament befindet, so dauerte es doch acht Jahrhunderte, bis es eine erste deutschsprachige Fassung und überhaupt die Bezeichnung „Vaterunser“ gab. Im so genannten Sankt Gallener Katechismus vom Ende des achten Jahrhunderts wird der Lukas-Text erstmals ins Althochdeutsche übersetzt mit den Worten: „Fater unseer, thu pist in himile“. Der Vater, der hier angesprochen wird, ist natürlich der Vatergott selbst, der Schöpfer des Universums, wie ihn die Christen verehrten. Doch die deutsche Übersetzung von „im Himmel“ ist bereits ungenau, verglichen mit dem griechischen Urtext: dort heißt es wörtlich „in den Himmeln“, was auf die hebräische Vorstellung von den „sieben Himmeln“ anspielt. Da der Himmel im Deutschen im Singular gesetzt wird, ergibt sich hier bereits ein anderer Sinn, der die alttestamentarischen Glaubensvorstellungen, die noch im Pluralbegriff enthalten waren, außer Acht lässt. Auch bei dem täglichen Brot, das uns gegeben werden soll, entstand ein gewisser Übertragungsfehler: hieß es im Griechischen noch „ausreichend Brot“ oder „Brot für den nächsten Tag“, war also sprachlich eindeutig ein Vorrat angesprochen, so bezieht sich die deutsche Fassung ausschließlich auf die Gegenwart. Das Brot, das ausreichend und hoffentlich auch für die Zukunft gegeben werden sollte, hatte, wie fast alle Symbole in den biblischen Schriften, eine doppelte Bedeutung: eine wörtliche und eine metaphorische. In der wörtlichen Bedeutung beten hier Menschen um die nötige Versorgung mit einem Nahrungsmittel, das bereits bei den Evangelisten um die Zeitenwende zum Ernährungsstandard gehörte (wir erinnern uns an die antiken Mythen von Demeter und Kore und den Erntegott Saturn) und das im politisch unruhigen Frühmittelalter, als die Übersetzung stattfand, eine Hoffnung auf ein Überleben in ungewisser Zukunft darstellte. Im metaphorischen Sinn ist das Brot, um das die Christen hier bitten, jedoch kein beliebiges Getreideprodukt als Konsumgut, sondern eine ganzheitliche Nahrung für Körper, Seele und Geist – das bedeutet nicht nur Gottesdienst, Gebet oder Meditation im engeren Sinne, sondern in einem weiteren Verständnis auch das vertraute Gespräch mit einem loyalen Freund, das gleichsam wie „Brot“ für unsere Seele sein kann und uns erhebt von der Mühsal des Alltags. Wie auch immer vieldeutig und frei die Übersetzung des „Vaterunsers“ in der deutschen Fassung sein mag, die zum Herzen gehende Bitte um das, was der Mensch wirklich braucht, um das Brot für seine Existenz im dreifachen Sinn, spricht heute tatsächlich Viele in ihrem eigenen Selbstverständnis an. Musikforscher finden noch einen zusätzlichen Reiz in der Sprachfolge dieser traditionellen spirituellen Bitten, die wegen ihres ungemein harmonischen Klangbilds und musikalischen Gepräges als fast vollkommenes Tonwerk gerühmt wird.
Geister vertreiben? Böse Dämonen verjagen und Flüche bannen? Oder dem sprichwörtlichen Glück mit Glücksbringern auf die Sprünge helfen? Die Christianisierung Europas war kein linearer Prozess – darin sind sich Historiker einig. Wurde zwar im 8. Jahrhundert mit der Übersetzung des „Vaterunsers“ im deutschsprachigen Raum ein sichtbares Zeichen gesetzt für den Fortschritt des christlichen Glaubens im Alltag vieler Menschen, und gingen mehr und mehr weltliche Herrscher dazu über, sich öffentlich zum Christentum zu bekennen und ihre Untergebenen dazu zu bekehren, so war doch gerade das Hochmittelalter eine Zeit, in der so genannte heidnische Bräuche parallel zu den neueren christlichen Festen existierten. (Wer nun einwenden möchte, dass die berüchtigten Hexenverfolgungen doch sicher dem „Heidentum“ den Garaus gemacht hätten, der siehe bitte in Geschichtsbüchern nach, dass diese Verfolgungen tatsächlich erst am Ende des Mittelalters stattfanden). Im Alltag vieler Menschen im Früh- und Hochmittelalter war Magie eine der gebräuchlichen Praktiken, um das im Grund gefährliche Leben erträglicher und, ihren Vorstellungen gemäß, planbarer und voraussehbarer zu machen. Denn die volkstümliche Magie behauptete, Lösungen für Probleme zu finden – ähnlich wie es später die aufkommende Naturwissenschaft versprechen sollte – und sie war zudem von fast jedem auszuführen, der über einige Mittel verfügte, die fast in jedem Haushalt zu finden waren. Eins dieser magischen Mittel war das Brot, das von jeher nicht nur als ein Nahrungsmittel, sondern auch als heiliges Element galt, dem irgendetwas Überirdisches anhaftete, galt es in der christlichen Liturgie doch als Sinnbild für den Leib Christi. In den volksmagischen Bräuchen rund um das Brot vermischten sich in der Fantasie der mittelalterlichen Menschen sowohl die kirchlich-liturgischen Reden vom „Leib Christi“ als auch noch frühere, heidnische Bräuche rund um das Getreide, das der Sage nach von eifersüchtigen und machtvollen Erdgöttern bewacht wurde. Die volkstümlichen Rituale aus der Zeit der Jahrtausendwende, welche Brot beinhalten, sind zahlreich und halten sich zum Teil sogar bis in unsere Gegenwart: da wurden traditionell „Brot und Salz“ beim Einzug in ein neues Haus gespendet, damit das Richtfest gelingt und die glücklichen Hausbesitzer nie Mangel am Nötigsten haben sollen. Auch „Mit Liebe backen“ war kein bloßer Spruch, sondern es gab in der Tat zahlreiche Zaubersprüche, die fleißige Bäckerinnen beim Teigkneten murmeln sollten, damit der Geliebte, wenn er das frische Brot aß, auch die Schwingungen Amors spüren sollte. Aus anderen Quellen wissen wir, dass besorgte Mütter ihren Söhnen, die ausgingen, um ein Handwerk zu lernen, heimlich ein Stück Brot in die Hemdtasche einnähten, damit der hoffnungsvolle Jüngling in der Ferne sicher kein Heimweh – und keinen Hunger – zu haben braucht. (Was aber, wenn der Sohn nicht Tischler oder Schmied, sondern Bäcker werden wollte – war dann das schützende Brot obsolet, da er es doch täglich selbst buk? Solche Fragen bleiben natürlich leider unbeantwortet, studiert man die zahlreichen alten Überlieferungen um den magischen Gebrauch des alltäglichen Backwerks und das Brot als Sympathiemittel in der Magie.) Das Brot-Einnähen aus dem Mittelalter hielt sich lange als Technik der zauberhaften Vorsorge: Soldatenfrauen in allen Kriegen, die Europa in den kommenden Jahrhunderten erschüttern sollten, übernahmen den Brauch – stets sollte ein Stück Brot auf magische Weise die Versorgung gewährleisten, was leider nicht immer gelang. Doch das Brot als Kommunikationsmittel in der Magie war und ist ein besonderer Stoff, der himmlischen Schutz garantieren soll.
Wenige Frauen werden als „Kirchenlehrerin“ geehrt. Im Jahr 2012 erhob der damalige Papst Benedikt XVI. die heilige Hildegard von Bingen (1098-1179) in den Stand eines „doctor ecclesiae universalis“ und stellte damit ihr Lebenswerk als vorbildlich nicht nur für die Christenheit als solche, sondern für die ganze Gemeinschaft der Weltkirche dar. Von der Benediktinerin Hildegard, so hieß es, könne jeder Mensch, sei er welcher Religion und welchen Glaubens auch immer, Vieles lernen, denn ihre besondere Forschung und Meditation habe allgemein menschliche Geheimnisse der Seele entschlüsselt und spirituelle Einsichten von grundsätzlicher, nicht durch Konfessionen getrennter Art hervorgebracht. Betrachtet man das schriftlich überlieferte Werk der fleißigen Benediktinerin, so ist man, neben der bloßen Quantität, auch erstaunt über die detaillierte und sprachlich brillant geschilderte Qualität der Inhalte sowie auch über die unerhörte Themenvielfalt, der sich diese unermüdlich Schaffende widmete: es gibt Studien zur Medizin und Pharmazie, zum religiösen Leben, zur Meditation, zur Psychologie, zu komplizierten theologischen Fragen, zur Musik und sogar zur Politik – sie galt als politische Beraterin von Kaiser Friedrich -. Nur wenige Gelehrte in der Geschichte der Menschheit waren überhaupt von einer ähnlichen Themenvielfalt wie Hildegard; im Mittelalter kann es nur Albertus Magnus mit ihr aufnehmen, der von Theologie und Philosophie bis hin zu Zauberei, Gartenbau und Falkendressur sämtliche Phänomene kenntnisreich untersucht hatte, die sich in seinem Wirkungskreis befanden, und in der Antike kommt ihr nur Aristoteles gleich, der als Universalgenie buchstäblich alles erforschte, was sich zwischen Himmel und Erde befand, und durch seine Fähigkeit, Ergebnisse zu kategorisieren, den Grundstein zu den modernen Naturwissenschaften legte. Angesichts des umfangreichen Werkschaffens der talentierten Hildegard wäre es vermessen, den Fokus auf ein Einzelthema zu legen, und doch wollen wir es versuchen – nicht um andere Themenfelder zu überschatten, sondern um zu zeigen, wie sich das Genie der Forscherin an einem einzelnen Beispiel offenbart. Hildegard hielt die Ernährung des Menschen, neben dem Zustand seines Geistes und seiner Seele, für einen wesentlichen Schlüssel zu seiner Gesundheit im ganzheitlichen Sinn, und sie beschreibt in ihrem Medizinbuch „Causae et curae“ („Ursachen und Heilung“) detailliert die Vorzüge einzelner Nahrungsmittel für den Organismus. Was den heutigen Leser hier besonders erfreut, ist, dass sich neben den Abhandlungen zu den Inhalten der einzelnen Nahrungsmittel stets auch eine konkrete Wirkung derselben auf das menschliche Gemüt befindet: vom Ur-Getreide Dinkel etwa heißt es, es würde die Stimmung des Menschen heben und ihn heiter machen, ähnlich seien Esskastanien (Maronen), zu Mehl vermahlen, eine Kur für das Wohlbefinden. So und ähnlich beschreibt die Klosterfrau die Wirkungen der Nahrung auf Körper, Geist und Seele und kommt damit dem, was bereits die indische Ernährungslehre Ayurveda als den Dreiklang in Harmonie beschrieb, sehr nah. Auch die heutige chemische Lebensmittelforschung gibt der heilkundigen Benediktinerin Recht mit ihrer Untersuchung: Dinkel gilt als das strahlungsresistenteste Getreide, das sogar Radioaktivität übersteht, und die biochemische Struktur von Esskastanienmehl gilt als basisch und gleicht Übersäuerungserscheinungen im Körper aus. Hildegards hochgradig inspirierte Untersuchungen von der Natur der Nahrung waren ihrer Zeit voraus mit der feinsinnigen Wahrnehmung, dass jede genossene Speise nachweislich auf drei Wirkebenen – körperlich, seelisch und mental – ihren Ausdruck findet.
Es ist ein kühler Frühlingsmorgen um das Jahr 1225, irgendwo in einer waldreichen deutschsprachigen Provinz, wo die Regenwolken noch dunkel über den von Ulmen beschatteten Höhen dräuen wie die Erinnerung an etwas Schweres, Vergangenes. Kein heiterer Vogel zwitschert hier; es herrscht eine geradezu unnatürliche Stille, nur vom monotonen Tropfen des gerade abebbenden Regens von den nassen Baumkronen unterbrochen. Eine in einen grobwollenen Kapuzenmantel gehüllte, schlanke Gestalt geht mit beschwingtem Schritt den steilen Weg von der Anhöhe hinunter ins sandige Tal, wo sich schon die ärmlichen Hütten der Bauern und Tagelöhner am Horizont abzeichnen. Gerade bricht die helle Sonne hinter der Wolkendecke hervor und beleuchtet für einen Moment das verhüllte Antlitz der Gestalt: es ist ein Frauengesicht mit zarten und intelligent wirkenden Zügen, fast noch ein Mädchen, dessen rosige Wangen und blau leuchtenden Blicke den unverhofften Betrachter erschüttern und fast mit Wehmut füllen. Wohin wandelt diese Schönheit so früh am Morgen? Am rechten Arm trägt sie einen schweren Korb, der mit einer groben Decke bedeckt ist. Ihr Schritt ist so elastisch, wie es nur der Gang von Tänzerinnen sein kann, doch auch wieder so zielstrebig, wie es nur bei einer Person der Fall sein kann, die ganz genau weiß, was sie vorhat – auch wenn sie damit buchstäblich allein in der Welt steht. Die damals wohl erst achtzehnjährige Schöne, die frühmorgens mit einem Korb in das nahe gelegene Dorf geht, ist der Legende nach Elisabeth von Thüringen (1207-1231), und im geheimnisvollen Korb befinden sich Almosen – Brote. Das regelmäßige, einigen Quellen zufolge sogar tägliche, Verteilen von Nahrungsmitteln, Arzneien und Decken an die arme Bevölkerung gehörte für die fromme Elisabeth von Jugend an zu einem Standard ihres religiösen Lebens und war für sie Ausdruck einer selbstverständlichen Liebe zu Gott, welche sich im Teilen mit allen Geschöpfen Ausdruck verschaffte. Nicht alle ihrer Standesgenossen teilten jedoch ihre caritative Haltung, und wie es oft so ist, entspannte sich der härteste Konflikt innerhalb ihrer eigenen Familie. Der Sage nach wurde die brotspendende Elisabeth einst auf ihrem Weg zu den Almosen-Empfängern im Ort von einem nicht so wohlwollenden Menschen aufgehalten und barsch aufgefordert, das Ziel ihres Weges und den Inhalt ihres Korbes preiszugeben. Nach einer Variante der Sage war es ihre Schwiegermutter, die sich in alles einmischte (ein offenbar auch im Mittelalter schon bekanntes Bild), in einer populäreren Variante war es ihr Ehemann selbst, Landgraf Ludwig von Thüringen, der seiner ebenso schönen wie edelmütigen Ehefrau zwar in offenbarer Liebe zugetan war, doch als ein bekannter Machtpolitiker sichtlich wenig Neigung besaß, sein Vermögen zu verschwenden. Die Legende berichtet weiter, Elisabeth habe auf die ärgerliche Frage ihres Gatten hin, was sich denn in dem Korb befände, mit der Ausrede geantwortet: „Es sind Rosen, Herr!“ – und eine Untersuchung des Korbinhalts habe ergeben, dass es sich hier tatsächlich, statt Broten, um duftende Blumen gehandelt habe.

Diese mystische Verwandlung von backfrischen Broten in blühende Rosen wird in der Geschichte gern als „Rosenwunder“ beschrieben und als plakatives Zeugnis für die unbegrenzte Macht der Imagination angesehen. Es stört uns nicht, dass dasselbe „Rosenwunder“ auch anderen Heiligen zugeschrieben wird, wie der Elisabeth von Portugal und dem Nikolaus von Tolentino; für uns wird die Ausnahmegestalt, die Brot in Blumen verwandelt, immer die grazile Achtzehnjährige sein, die frühmorgens auf dem taunassen Thüringer Waldweg geht.
Wenn wir heute überhaupt etwas mit italienischer Küche assoziieren, so ist es die Pasta, die dampfend, mit duftender Sauce aus voll reifen Tomaten und balsamisch würzigem Basilikum übergossen und mit feinwürzigem Parmesan bestreut, zunächst das Auge, dann die Nase, und zuletzt den Gaumen erfreut in einem Gesamtkunstwerk der Sinne. Das schlichte Erzeugnis aus Hartweizengrieß und Wasser (im Ur-Rezept kommt weder Ei, noch sonstiges an Beigaben vor) stellt seine agrarischen Ursprünge spielend in den Schatten und lässt uns nicht mehr ahnen, dass es einst ein Stück unscheinbares Getreide war, das durch einen raffinierten handwerklichen Prozess in Form – und Farbe – gebracht wurde, um Gourmets in aller Welt zu erfreuen. Der Pasta-Sorten sind offensichtlich so viele wie leuchtende Sterne am gastronomischen Himmel, und die Farben- und Formenvielfalt scheint schier unendlich zu sein: da gibt es schmale Spaghetti, dicke Maccheroni, wie Schreibfedern geformte „Penne“ und wie Muscheln gebildete „Conchiglie“, dazu appetitlich gelbe, mit Safran getönte, oder aufregend rote, mit Tomatensaft gefärbte oder mit Spinatsaft pikant grün schattierte Nudeln, sowie exklusive Kreationen mit teuren weißen Trüffeln, die als gehobeltes Gold unter sie gemischt werden, um Krösus und Lukullus in einem Fest des kultivierten Genusses zu verbinden… Ja, die Pasta – sie ist in Wahrheit keine Speise, auch und gerade weil sie einen verdienten Ehrenplatz auf unseren Tellern hat, sondern sie ist philosophisch betrachtet eine humanitäre Gabe, ein Geschenk Italiens an die Menschheit, die bekanntlich nie zufriedener ist, als wenn sie gut isst. Doch bevor wir dem Erfinder der Pasta aus Dankbarkeit ein Denkmal bauen, sollten wir tiefer in die Geschichte eintauchen, denn dieser unbekannte Erfinder war kein Italiener, sondern stammte aus dem fernen, ja schon sehr fernen Osten: aus China. Die chinesische Erfindung der Nudel wurde von dem aus Venedig stammenden Kaufmann Marco Polo (1254-1324) nach Italien gebracht und löste dort eine unerhörte kulinarische Revolution aus, denn worin bestand bis zu seinen Reisen, welche die Horizonte erweiterten, die genuin italienische Ernährung? Die überraschende Antwort lautet: aus Getreidebrei, Bohnen, Feldfrüchten und selten etwas Käse, Fisch oder Fleisch. Sogar die emblematischen Tomaten, Paprikas oder Auberginen – heute nicht mehr wegzudenken aus der italienischen Gastronomie – waren noch unbekannt, denn diese Früchte von Nachschattengewächsen kamen aus der so genannten Neuen Welt, und die war im 13. Jahrhundert leider noch nicht entdeckt. Wir stellen uns also eine italienische Familie kurz vor Marco Polos delikatem Import aus Fernost beim allabendlichen Essen vor: auf dem gediegenen Tisch steht vor dem würdigen pater familias keine Pasta und keine Tomatensauce, sondern vielleicht ein Brei aus Getreide, wie er schon im antiken Rom üblich war, und lediglich in reichen Haushalten fanden sich dort zusätzlich einige Nebengerichte, welche die Eintönigkeit auflockern und etwas Abwechslung bringen konnten. Dass Marco Polo vor dem Hintergrund dieser kulinarischen Tristesse eine neue Art, Getreide zu verarbeiten, mit nach Italien brachte, mag für viele seiner Landsleute wertvoller gewesen sein als die zahlreichen anderen Konsumgüter aus dem fernen China und die große kulturgeschichtliche Bedeutung, seiner mutigen Unternehmungen. Erstmals hatten italienische Bäcker und Köche das exotische Rezept zu einem anderen Umgang mit der „pasta“ – Pasta (Teig) hieß nämlich alles, was aus Getreide und Wasser gemischt wurde – und konnten so einen Genuss herstellen, der das Korn ähnlich ideenreich kultiviert, wie die Schneiderkunst grobe Wolle, und der den gastronomischen Ruhm Italien der in alle Ecken der Welt trägt.
Becker, Becker, Becker – unglaublich, wie viele Anschlüsse der Kerl hat!“ Dieser Witz über die weitreichende Verbreitung des deutschen Familiennamens „Becker“ oder „Bäcker“ im Telefonbuch spielt darauf an, dass dieser Name tatsächlich – neben Meier, Müller oder Schmitt – zu den am meisten verbreiteten Familiennamen in Deutschland gehört, und entsprechend häufig zu finden ist. Was viele nicht wissen, ist jedoch, dass gerade der beliebte Familienname Becker eine hochinteressante Geschichte hat, die weit zurück reicht in die Kulturgeschichte Europas und ein Schlaglicht wirft auf die spannende Entwicklung vom Mittelalter zur frühen Neuzeit. Betrachten wir einmal, was wir vom Mittelalter wissen und wie sich die frühe Neuzeit davon abgrenzt, so fallen uns vielleicht einschneidende Marken ein, über die wir im Schulunterricht gelernt haben: die spätgotischen Kathedralen und ihre spezielle Baukunst, der Beginn der Renaissance in Italien, die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um 1450, die Entdeckung Amerikas durch Columbus im Jahr 1492. Doch halt! 1450 und 1492, also die Mitte oder das ausklingende 15. Jahrhundert, das war bereits Neuzeit; denn das Mittelalter selbst war, Historikern zufolge, im 14. Jahrhundert schon vorbei. Prägender als die epochalen Erfindungen und Entdeckungen und weitaus greifbarer im Leben des Einzelnen war eine bescheidene Entwicklung, die ungefähr ab 1300 stattfand: die Einführung von Familiennamen. Es mag uns heute unvorstellbar erscheinen, aber bis ins Hochmittelalter hinein hatten die meisten Menschen tatsächlich keinen Familiennamen, sondern lediglich einen Vornamen oder Rufnamen wie „Konrad“ oder „Heinrich“ und vielleicht noch einen Beinamen, der sich meist auf ein körperliches Merkmal der Person bezog, wie „Jung“, „Weiß“ oder „Groß“. Familiennamen in unserem heutigen Verständnis gab es fast nur im Adelsstand, der nach dem Ort, der Region oder auch dem Land benannt wurde, über das man herrschen durfte; alle Mitglieder des Clans trugen diesen Namen fortan als Abstammungshinweis. Erst im beginnenden 14. Jahrhundert kamen Familiennamen auf, die sich auf alle Mitglieder einer nichtadeligen, bürgerlichen Familie erstreckten, und diese Namen waren meist auch auf ein Handwerk bezogen, das man ausübte. Die Geburtsstunde des Namens „Becker“, „Beck“ oder „Bäcker“ – schon damals offenbar äußerst beliebt – schlug genau in dieser spannenden Zeitphase, im direkten Übergang vom Mittelalter zur Moderne. Was hatte sich geändert, dass Menschen mehrheitlich davon abkamen, sich nur mit dem Rufnamen und vielleicht noch mit einem persönlichen Beinamen zu nennen? Drei Faktoren spielten hierbei eine wichtige Rolle: erstens die wachsenden Städte und die Urbanisierung Europas – plötzlich war das Dorfleben, wo jeder jeden kannte, nicht mehr das Zentrum sozialer Beziehungen, sondern die verhältnismäßige Anonymität der Stadt, und es wurde entscheidend für jeden, sich abzugrenzen und sich buchstäblich einen Namen zu machen. Zweitens wurde das bürgerliche Selbstverständnis in den Städten auch zunehmend selbstbewusster und unabhängiger, so dass Historiker gern von einer Erfindung des Ichs sprechen, die noch vor der Renaissance stattfand, diese aber geistig vorbereitete. Drittens trugen auch die Handwerksberufe, meist in den machtvollen Gilden der Städte zusammengefasst, erheblich dazu bei, dass Bürger sich in ihrem täglichen Tun zunehmend als souverän empfanden und sich mit Stolz mit ihrem Beruf identifizierten. Der Bäckerstand hatte hierbei eine Glanzrolle inne: er galt als ein Gipfel des urbanen Handwerks, das sich rund um das Brot des Lebens entfaltet.
Backfrisches Brot und verführerisch duftende Gebäcke und Kuchen in aller Fülle jederzeit verfügbar zu haben und sie nach Lust und Laune konsumieren zu dürfen, gilt uns heute als selbstverständlich. Doch der Begriff des „Kuchens“ von früher hat wenig oder nichts mit den verlockenden Kreationen zu tun, die sich hinter der Bäckertheke unserer Gegenwart türmen, sinnreich in Szene gesetzt vor geschickt platzierten Spiegeln und in stilvollem Ambiente. Kuchen war noch zu Beginn der Neuzeit – die, wie wir nun wissen, ungefähr ab dem 14. Jahrhundert ihren Einzug nahm in Europa – eine Art einfacher Teig aus Getreidemehl, Wasser, möglicherweise einem Backtriebmittel wie Weinstein und Honig. Die für uns heute unverzichtbaren Gewürze fehlten weitgehend, und was für die damaligen Menschen eine Delikatesse war – ein simpler Honigkuchen, würden wir heute wahrscheinlich verächtlich stehen lassen und uns fragen, ob unser lieber Bäcker seine besten Zutaten vergessen habe. Denn als Würze des Lebens wie auch des Backwerks gelten seit alters her die Gewürze, deren Inhaltsstoffe sofort unser Gemüt stimulieren: da werden mit Zimt sofort fröhliche Erinnerungen aus der Kinderzeit wach, exotisch aussehende Anissterne erfreuen Geist und Magen zugleich mit ihrer herben Bitterkeit, die so gut zu vielen Gebäcken passt, die Gewürznelken parfümieren auf köstliche Weise unsere Weihnachtsplätzchen, und die sinnliche Kardamomschote hat gar auch aphrodisische Eigenschaften… Doch die Vielfalt im Gewürzregal und folglich auch in der Backstube ist eine moderne Erscheinung, und unser Verständnis von würzigem Kuchen ist erst etwa sechshundert Jahre alt, was in der Gesamtgeschichte der Menschheit natürlich nur ein Wimpernschlag ist. Erst durch den etablierten Import- und Exporthandel im ausgehenden 14. Jahrhundert wurden Gewürze, so wie wir sie heute kennen, in Europa überhaupt bekannt, und fügten dem süßen Leben – das zu allen Zeiten äußerst beliebt war – erstmals die unerreichbare sinnliche Wärme und das aufregende Feuer hinzu, für das die unscheinbar kleinen aber wirkungsvollen Ingredienzien sorgten. Eine Hauptrolle beim Import der Gewürze zur allgemeinen Hebung der Lebensart spielte die Kaufmannsfamilie der Fugger, die ab etwa 1367 in Augsburg ansässig wurde und durch Handel mit der ganzen damals bekannten Welt zu einem sagenhaften Reichtum kam. Grundpfeiler dieses Reichtums war unter anderem der gekonnte Handel mit dem begehrten „Pfeffer“: als „Pfeffer“ galten in der frühen Neuzeit alle Gewürze, ganz gleich ob süß oder scharf, denn dieser Oberbegriff fasste zusammen, was die unermüdlich Handel Treibenden aus den fernen Ländern mitbrachten und was eine nachweisliche Wirkung auf unseren Organismus hat, der stets neue Reize fordert. „Pfeffer“ zu besitzen, war zunächst ein Privileg der wohlhabenden Stände, denn die Kostbarkeiten aus fernen Landen, die zugleich auch Köstlichkeiten waren, wurden teilweise noch mit Gold aufgewogen. Die Backkunst Europas erhielt jedoch schnell einen spürbaren Auftrieb, „Pfefferkuchen“ – also Gewürzkuchen – kamen schnell in Mode, und die Erfindung von raffinierteren Genüssen in der Backstube entwickelte sich schlagartig zu einer Kunst für sich. Texturkunden aus dem 15. Jahrhundert zeigen uns an, wie sich zum Beispiel der Christstollen von einem einfachen Stangen-Weißbrot hin zu einem mit Spezereien gefüllten Leckerbissen steigerte, der nach verzaubertem Orient duftet. Mit dem „Stollenbarometer“ können wir erfassen, wie die frühneuzeitliche Entwicklung des Backwesens, intensiv gefördert durch Importe von Familien wie den Fuggern, sich real vollzog: von den inspirierten Techniken der Herstellung bis zur Integration von feinen Gewürzen, und im letzten Schritt bis zur beeindruckenden Vielfalt hinter der Verkaufstheke von heute.
Haben Sie Lust bekommen auf ein eigenes Stück gebackener Zeitgeschichte?